An einem Punkt scheitert oft alles. Alle Anstrengungen drohen, umsonst gewesen zu sein. Weil sie sich einfach nicht finden lässt, die bezahlbare Wohnung. Alleinerziehende mit mehreren Kindern, aber auch kranke Senioren mit wenig Geld tun sich meist am schwersten. Das beobachtet man im Ellinor-Holland-Haus im Augsburger Textilviertel täglich. Die soziale Einrichtung der Kartei der Not, dem Leserhilfswerk unserer Zeitung, bietet Menschen in Lebenskrisen vielseitige Unterstützung und ein Zuhause für maximal drei Jahre. Nun möchte die Stiftung ihre Erfolgsgeschichte weiterschreiben - und dauerhaft günstigen Wohnraum anbieten. Daher wird ein neues Haus gebaut, mit etwas verändertem Konzept, für Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind. Dieses Projekt nimmt nun Gestalt an.
Die Augsburger Architekten Löhle Neubauer werden das besondere Wohnhaus umsetzen. Sie haben sich bei einem Ideenwettbewerb durchgesetzt und wurden einstimmig gewählt. Die circa 36 neuen Wohnungen entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ellinor-Holland-Haus. Sie können Bewohnerinnen und Bewohnern des Ellinor-Holland-Hauses nach ihrer erfolgreichen beruflichen und privaten Neuorientierung ein längerfristiges Wohnen ermöglichen. Aber auch Bedürftige, die nicht im Ellinor-Holland-Haus waren, können in den Neubau ziehen, der voraussichtlich 2029/2030 fertiggestellt werden soll.
Die Entscheidung für einen Entwurf ist nicht leichtgefallen, vier Architekturbüros hatten ihre Pläne vorgelegt. „Wir haben uns aus einer ganz starken sozialen Verantwortung heraus für diesen Neubau entschieden“, betont Ellinor Scherer, die Vorsitzende des Kuratoriums der Kartei der Not. Sehr kostenbewusst, funktional und gleichzeitig mit bestmöglicher Qualität zu bauen, sei die oberste Devise bei der Realisierung dieses Projekts. „Denn wir wissen, dass wir diesen Neubau einzig und allein dank unserer vielen Spenderinnen und Spender auf die Beine stellen können“, erklärt Alexandra Holland, die stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums. „Und hier können wir nicht nur auf sehr großzügige Zuwendungen, sondern auch auf viele, viele kleinere Beträge bauen. Durch diesen enormen Rückhalt setzen wir unsere Arbeit für Menschen in Not verantwortungsvoll fort.“ Daher soll der Neubau, wie das vor zehn Jahren eröffnete Ellinor-Holland-Haus, zurückhaltend und bodenständig ausfallen.
Beide Kuratoriumsvorsitzende heben hervor, dass trotz des Neubaus das Herzstück der Kartei der Not, die finanzielle Einzelfallhilfe, bleiben werde: „Wir erfahren von so schweren Schicksalsschlägen, die Menschen in unserer Region ereilen, dass wir gerade hier weiterhin spürbare, unbürokratische und schnelle Solidarität zeigen wollen.“ Auch als Co-Finanziererin wichtiger sozialer Projekte in der Region will die traditionsreiche Stiftung, die im vergangenen Jahr ihr 60. Jubiläum feierte, weiterhin auftreten.
Wie aber wird der Neubau der Stiftung Kartei der Not in Augsburg aussehen? „Es wird ein leicht geknickter, viergeschossiger, lang gestreckter Baukörper entstehen, der sowohl in Holzhybrid- als auch in konventioneller Bauweise realisiert werden kann“, erklärt Architekt Rainer Löhle. Das Gebäude werde sich auch „durch seine Höhenstaffelung sehr harmonisch in das Gelände“ einfügen. Entstehen werden barrierearme Ein-Personen-Appartements ebenso wie Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen. Auch rollstuhlgerechte Wohnungen werde es auf jeder Ebene geben. Eine Tiefgarage sorge dafür, dass möglichst viel Grün erhalten bleibt und ausreichend Platz zum Spielen und Erholen vorhanden ist. „Als Herzstück sehen wir unseren neuen Kommunikations- und Aufenthaltsraum im Freien, der sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern des bestehenden Ellinor-Holland-Hauses als auch von den Mieterinnen und Mietern des Neubaus genutzt werden soll. Damit werden die beiden Häuser zu einem neuen Ensemble zusammengeführt.“ Architekt und Stadtplaner Wendelin Burkhardt, der den Vorsitz des Preisgerichts innehatte, findet bei dem Siegerentwurf besonders beeindruckend, „dass das bestehende Ellinor-Holland-Haus in seiner Sichtbarkeit durch den Neubau sogar noch eher gestärkt wird“.
Der Geschäftsführer der Kartei der Not sowie der Ellinor-Holland-Haus gGmbH, Oliver Jaschek, betont: „Der Neubau wird nicht nur ein Wohnhaus für bedürftige Menschen werden. Es wird ein besonderer sozialer Bau.“ Zwar sei keine intensive pädagogische Betreuung wie im Ellinor-Holland-Haus mehr angedacht, „doch auch in unserem Neubau wollen wir eine sozialpädagogische Fachkraft in Vollzeit für die Mieter einsetzen, die wie eine Art Quartiersmanager agiert“. Vor allem aber sollen sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Ellinor-Holland-Hauses und die des nun entstehenden Neubaus intensiv austauschen, sodass ein unterstützendes Miteinander, eine ganz besondere Gemeinschaft entstehen kann.