Die Mutter liegt am Boden, betrunken, vollgepumpt mit Medikamenten. Daneben steht ein Mann. Einer von den unzähligen, die die Mutter mit nach Hause bringt. Er ruft den Notarzt. Die Mutter hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Sarah ist fünf Jahre alt und hat einfach nur Angst. Angst, was mit ihrer Mutter passiert. Angst, wie es weitergeht. Ihre älteren Geschwister stehlen Lebensmittel und Süßigkeiten, damit sie etwas zu essen haben. Ihre Mutter kümmert sich nicht darum. Sie braucht das Geld für den Alkohol.
Sarah Schreiber ist heute 18 Jahre alt und redet offen über ihre Kindheit. Mit festem Blick sieht sie einen dabei an. „Wenn ich darüber spreche, geht es mir besser. Es ist so, als ob man einen schweren Rucksack vom Rücken nimmt." Sie hatte Glück: Mit sechs Jahren kommt sie ins Kinderheim St. Clara nach Gundelfingen. Leicht war das für niemanden. Nicht für Sarah, nicht für die Mitarbeiter des Heims.
„Sarah hat Schimpfwörter in das Haus getragen, die wir bislang nicht kannten", erinnert sichSchwester Maria Elisabeth, die Leiterin der Einrichtung. Und nicht nur das.
„Ich habe die Erzieher angespuckt", sagt die 18-Jährige. Untertags gibt sie sich zerstörerisch, nachts quälen sie Albträume. Auch heute noch. Ihre zwei älteren Geschwister scheitern in ihrer neuen Umgebung und verlassen das Heim. „Sie haben uns dazu gezwungen. Der Bruder legte beispielsweise ein Feuer auf seinem Zimmer", betont Schwester Maria Elisabeth. In ihren Augen waren die Kinder zu alt, um sich an das Leben in der Einrichtung zu gewöhnen. Sarah aber beißt sich durch. Es ist ein vollkommen neues Leben. Ein Leben mit Regeln, ein Leben mit Forderungen und Aufgaben. Sie bekommt aber auch etwas dafür. Heim bedeutet für sie anfangs, miteinander nicht hungern, nicht frieren und ein eigenes Bett haben. Sie habe so viel Armut in ihrer Kindheit erlebt, sagt sie traurig. Und das mitten in Augsburg.
In Gundelfingen wird das anders. Sie hat einen inneren Antrieb. „Ich wollte immer besser sein als die anderen in meiner Familie." Sie schließt Freundschaften, besucht die Hauptschule. Vorurteilen begegnet sie auch hier. „Andere Kinder meinen oft, man ist im Heim, weil man selber so ein schlimmes Kind ist. Ich kann auch nichts dafür, dass meine Mutter säuft, habe ich dann immer gesagt." Vor fünf Jahren durften ihre jüngeren Geschwister auch in das Heim. Nach jedem Besuch musste sie Marcel und Melissa bei ihrer Mutter lassen. „Das war schrecklich. Meine Mutter hat getrunken, und sie sind mir weinend um den Hals gefallen, warum ich sie nicht mitnehmen kann. Aber die Ämter haben uns Kindern nie geglaubt, wenn wir was gesagt haben", so Sarah.
Erst als der Mutter die Hand ausrutscht und sie Marcel ein blaues Auge schlägt, geht alles schnell. Ihre älteste Tochter zeigt sie an. Die Polizei kommt ins Haus. Schwester Maria Elisabeth: „Ein Familienrichter hat ihr schließlich das Sorgerecht entzogen."
Sarah lebt heute nicht mehr im Kinderheim. Nach ihrem Hauptschulabschluss hat sie sich eine Lehrstelle als Köchin gesucht. „Das ist mir wichtig. Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, einen Beruf zu erlernen", betont die Heimleiterin. Sie sei aber nicht in die Manege des Lebens geworfen worden, fügt Schwester Maria Elisabeth mit einem Lächeln an. Sie sei weitergereicht worden, in gute Hände. Die Ausbildung absolviert sie im Katholischen Waisenhaus in Augsburg. Anfangs lebt sie in einer betreuten Wohngemeinschaft, jetzt in einem Apartment der Einrichtung. Wenn sie ihre Geschwister im Kinderheim St. Clara besuchen will, dann sei sie immer willkommen, so die Heimleiterin. „Dann kann sie nach Hause kommen. Wir bezahlen ihr auch die Fahrt", sagt die Dillinger Franziskanerin. Das Zuhause von Sarah ist heuer noch etwas größer geworden. Die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung, hat mit einer riesigen Anschubfinanzierung von 300000 Euro den Neubau einer Inobhutnahmestelle ermöglicht. Einem Gebäude, in dem künftig schnell und unbürokratisch Kinder aus extremen familiären Situationen können. Schwester Maria Elisabeth: „Die Gesellschaft muss endlich kapieren, dass ein Kinderheim keine Schande ist, sondern dass hier Kinder eine Chance auf Leben erhalten. Und deshalb muss es sich die Gesellschaft auch leisten können und wollen. Toll, dass es solche Einrichtungen wie die Kartei gibt."
Das ist nicht das einzige Mal, dass befreit und aufgenommen werden die Kartei der Not das Leben der jungen Augsburgerin kreuzt. Berufsschulfahrten nach Paris und Florenz, wo die Auszubildenden in Hotels hospitieren, wurden ihr bezahlt. Kontakt zu ihrer Mutter und zu ihrem Vater hat sie keinen mehr. Wichtig sind ihr ihre Geschwister, vor allem die Kleinen, und ihr Beruf. Fleißig lernt sie für ihren Abschluss. Wenn ihr Notendurchschnitt besser als 2,5 ausfällt, hat sie außerdem noch die mittlere Reife in der Tasche. Ihr Traum: „Dann will ich Köchin in einer Kantine werden. Ich will keine Hartz-IV-Empfängerin sein."
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